Früherkennung

Der Grundgedanke zur Früherkennung (das Wort "Vorsorge" trifft es nicht ganz, denn dem Krebs wird nicht vorgesorgt) ist so naheliegend wie hoffnungsvoll. Man erkennt einen heranwachsenden Tumor in einem solch frühen Stadium, dass die Heilungschancen noch deutlich größer sind als zu einem späteren Zeitpunkt.

 

Das Dilemma ist, dass die Praxis dieser Theorie bis heute nicht gerecht wird (und nicht gerecht werden kann). Denn ab einem gewissen Alter tragen wir praktisch alle Mini-Krebsherde in uns ... jedoch ohne wirklich jemals an Krebs zu erkranken. Die allermeisten solcher Mikrotumore verharren nämlich in ihrem Frühstadium und entwickeln sich nicht weiter.

 

Solange es nicht möglich ist, einen potenziell gefährlichen Mikrotumor (der sich also rasant ausbreiten wird) von einem ungefährlichen (der weiterhin verharrt) zu unterscheiden, hilft es niemandem, von dessen Vorhandensein zu erfahren.

 

In einer Studie, in der man 40-50jährige Todesopfer untersuchte, die nicht an Krebs starben, entdeckte man bei den Frauen in 33% der Fälle Mikrotumoren der Brust und bei den Männern in 40% der Fälle solche der Prostata. Klinisch relevant werden zu Lebzeiten selbst bis ins hohe Alter aber erheblich weniger Krebsherde.

 

Hochinteressant dabei ist, dass man in Autopsien bei Asiaten die gleichen Anteile an Tumorträgern fand, obwohl bei ihnen zu Lebzeiten (im Vergleich zu US-Amerikanern oder Europäern) noch weitaus weniger Brust- oder Prostatakrebs-Diagnosen gestellt werden. Dies dürfte ein eindeutiger Hinweis darauf sein, welch entscheidende Rolle die Art der Lebensführung dabei spielt, ob ein "normaler" Mikrotumor zu einem unkontrollierbaren Krebsgeschehen ausartet.

 

Laut dem renommierten und Pharma-unabhängigen Arznei-Telegramm  "... haben (meist) nur wenige der symptomlosen Menschen einen Nutzen von Screeningprogrammen, sehr viel mehr erleiden jedoch Schaden durch falsche Befunde, Überdiagnosen und Übertherapien" (2).

 

Beispiel Brustkrebs: Die angesehene Cochrane-Collaboration kommt in einer Auswertung von sieben randomisiert-kontrollierten Mammographie-Screening-Studien im Jahre 2006 (3) zu folgenden Erkenntnissen: 

 

"Von 2.000 gescreenten Frauen (der Altersgruppe 50-69 Jahre) ... stirbt in zehn Jahren eine Frau weniger an Brustkrebs. Bei zehn dieser Frauen wird jedoch Brustkrebs diagnostiziert, der ohne Screening zu Lebzeiten nie in Erscheinung getreten wäre (Überdiagnose).

Dies ist verbunden mit einer entsprechenden Zunahme von chirurgischen Eingriffen, Strahlen- und Chemo- therapien (Überbehandlungen). Jede zehnte Frau erhält im Verlaufe von zehn Jahren (fünf Screening-Runden) mindestens einen falsch positiven Befund mit den dadurch verursachten psychischen Belastungen."

 

 


Die Sterblichkeit an Brustkrebs sinkt (absolut um 0,05%), aber die Gesamtsterblichkeit nicht!

 

Und nun kommt die wichtigste Aussage der oben erwähnten Cochrane-Übersicht:

 

"Krebssterblichkeit insgesamt und Gesamtmortalität nehmen nicht ab"!

 

Das bedeutet, dass zwar nach zehn Jahren regelmäßigen Screenings eine Frau (von 2.000) weniger an Brustkrebs verstirbt, dieser Gewinn an anderer Stelle jedoch wieder ausgeglichen wird, weil es dafür einen Todesfall mehr durch eine andere Krebsart (oder sonstige Krankheit) gibt.

 

Wenn eine Frau zum Beispiel in der Folge einer Chemotherapie - welche neben vielen weiteren Nebenwirkungen eine immense Schwächung des Immunsystems herbeiführt - einen harmlosen Infekt erleidet, dieser sich zu einer Lungenentzündung entwickelt und sie daran verstirbt, taucht sie in der Statistik nicht unter den Brustkrebstoten auf. Ebenso verhält es sich mit einer gescreenten Frau, welche - ausgelöst durch die Strahlenbelastung - im Laufe der Zeit einer Leukämieerkrankung erliegt.


Somit erleiden in unserem Beispiel zehn Frauen (von 2.000) nach ihrer Diagnose in der Regel Bestrahlungen und/oder die Verabreichung hochtoxischer Medikamente (welche beide selbst zu Krebs führen können) und/oder die operative Entfernung ihrer Brust, obwohl sie gar keinen Krebs haben, dazu die erheblichen psychischen Belastungen durch die Diagnose selbst ... und am Ende ist die Zahl der Todesfälle in etwa gleich hoch!

 

Wo ist da der Nutzen eines Mammographie-Screenings? Die Bilanz fällt ja sogar negativ aus, denn in der Gruppe der nicht gescreenten Frauen werden keine Brüste gesunder Frauen entfernt, und es werden in ihnen keine seelischen Dramen aufgrund von Fehldiagnosen ausgelöst. Dass die flächendeckenden Reihenuntersuchungen Kosten in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro jährlich verursachen, sei dabei nur am Rande erwähnt.

 

Als Beispiel, wie in den Medien über solche Ergebnisse berichtet wird und sich dort Fachärzte darüber äußern, möchte ich einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 19.10.2006 anführen (4), der sich auf die oben genannte Cochrane-Übersichtsarbeit bezieht. Zwar ist der Bericht durchaus kritisch, doch wird auf die zwingendste Schlussfolgerung - dass eben die Gesamtsterblichkeit nicht abnimmt - gar nicht eingegangen. Es wird der Eindruck vermittelt (auch von den erwähnten Fachärzten), als würde tatsächlich trotz aller Risiken ein gewisser, wenn auch geringer, Nutzen bestehen.

 

 

 

Ähnliches bei der Darmspiegelung (Koloskopie)

 

 

Hierzu schreibt das "arznei-telegramm" in der Ausgabe 12/2006 (5):

"Zum Screening auf Darmkrebs mit der Koloskopie liegen keine Nutzenbelege aus randomisierten kontrollierten Studien vor. Zweifel an der hygienischen Sicherheit können nicht restlos ausgeschlossen werden. Bei 12 (13%) von 92 hygienisch-mikroskopischen Überprüfungen der Aufbereitung der Koloskope im Rahmen qualitätssichernder Maßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern werden erhebliche Mängel festgestellt. In einer Kohortenstudie in England kommt es bei 12 (0,13%) von 9.223 Koloskopien zu einer Perforation des Darmes, sechs Todesfälle (0,06%) innerhalb von 30 Tagen nach der Untersuchung werden als mögliche Folge der Koloskopie erachtet.

In der Praxis erhalten mehr als 80% der Untersuchten schmerzstillende bzw. sedierende Medikamente. Als Folge sind unerwünschte Ereignisse aufgrund der Sedierung möglich, z.B. Knochenbrüche durch Stürze. Die massive Darmreinigung und Nahrungskarenz kann bei Personen mit Begleiterkrankungen zu unerwünschten Wirkungen führen, z.B. zu kardialen Komplikationen und Unterzuckerungen bei Diabetikern. Die Komplikationen ließen sich nur durch lückenlose Nachbeobachtung aller Koloskopie-Patienten, am besten über vier Wochen, erfassen. Selbst wenn sie selten auftreten, sind sie von Relevanz, da nach Schätzungen auch nur drei bis vier Todesfälle durch Darmkrebs von jeweils 1.000 gescreenten Personen innerhalb von zehn Jahren verhindert werden könnten.

Aktuelle Daten zum Screening mit Tests auf okkultes Blut (HAEMOCCULT u.a.) stimmen in diesem Zusammenhang bedenklich. Bei Teilnahmeraten von etwa 70% werden in den randomisierten kontrollierten Studien durchschnittlich mehr als 30% der Teilnehmer mindestens einmal koloskopiert. Bei zweijährigem Screeningintervall ergibt sich im Verlauf von 13 Jahren zwar eine Reduktion von Darmkrebs-bedingten Todesfällen, jedoch gleichzeitig eine Zunahme anderer Todesursachen. Die Gesamtsterblichkeit unterscheidet sich nicht."